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Theater mit Flucht- und Bühnenerfahrenen

Flucht und Migration - ein Thema, das derzeit auf vielen Theaterbühnen zur Aufführung kommt. Das "boat people projekt" hat hier bereits 2009 einen Schwerpunkt gesetzt. Das Besondere des freien Theaters aus Göttingen: Geflüchtete selbst wirken in den Stücken mit, gemeinsam mit "Einheimischen". Regisseurin Nina de la Chevallerie hat das Projekt gemeinsam mit Drehbuchautorin Luise Rist gegründet. Im März 2016 erhielt das boat people projekt den Göttinger Friedenspreis. Ferner war das freie Theater in diesem Jahr für den "Preis für Projekte zur kulturellen Teilhabe geflüchteter Menschen" der Staatsministerin für Kultur und Medien nomininiert. In wechselnden Ensembles mit Erwachsenen und Jugendlichen werden Themen wie Heimat, Ausgrenzung, Religion und Identität bearbeitet. Aktuell wird das Stück "Flutlicht" inszeniert: Anhand von Songs erzählen Jugendliche u.a. aus Eritrea, Syrien und Afghanistan ihre Geschichte.

"Theater spielen und dabei Spaß haben, heißt für unsere jugendlichen Schauspieler nicht, sich abzulenken und zu zerstreuen, sondern bedeutet im Gegenteil, ihre unbedingte Lebenskraft zu lenken, einen Kanal zu finden, in dem der Druck abnimmt, weil man etwas zum Ausdruck bringt. Etwas Neues schöpft, verdichtet, ein Bild, eine Szene, einen Satz gestaltet"

(Die Autorin Luise Rist in ihrer Dankesrede zur Verleihung des Göttinger Friedenspreises 2016).

 

Kultur bildet.

"Theater zwischen Kunst, Politik und der Realität

Das Jahr 2009 begann mit vielen Meldungen aus Lampedusa. Meldungen von afrikanischen Bootsflüchtlingen, die versuchten von Tunesien und Libyen über Sizilien und Lampedusa den europäischen Kontinent zu erreichen. In den Jahren danach nahmen die Zahlen weiter zu, Nachrichten über Schiffsunglücke mit Todesopfern folgten unaufhörlich. Den Gründerinnen des boat people projekts Nina de la Chevallerie und Luise Rist – beide professionelle Theatermacherinnen – ließen diese Meldungen nicht mehr los. Sie fingen an zu forschen, zu recherchieren: Wie ist es hier in Deutschland? Leben auch hier Flüchtlinge, die von dort kommen? In verschiedenen Heimen lernten sie Menschen kennen, unterhielten sich mit ihnen und begannen mit ihnen zu arbeiten. Das war der Anfang des Freien Theater boat people projekt, das sich nun seit sieben Jahren in verschiedenen Konstellationen schwerpunktmäßig und unter diversen Gesichtspunkten und Perspektiven mit dem Thema Flucht und Migration beschäftigt.

Im November 2015 hat das boat people projekt dann neue, spezielle Räumlichkeiten bezogen: ein kleines Theater mit circa 90 Sitzplätzen ist in dem ehemaligen Institut für wissenschaftlichen Film in Göttingen entstanden. Das Gebäude wird seit dem Herbst letzten Jahres auch als Flüchtlingsunterkunft genutzt, circa 200 Menschen sind hier untergebracht. Der Austausch zwischen dem Theater und den Bewohner*innen ist eng und intensiv. Tür an Tür wird probiert und produziert, das Zusammenleben und Zusammenarbeiten geprobt. Die erste Produktion unter diesen neuen Gegebenheiten war das Stück FLUTLICHT des jungen boat people projekt, der Jugendgruppe des Freien Theaters, das im Dezember 2015 Premiere hatte. Das Stück handelt in erster Linie von dem Wunsch, sich anzunähern - vor dem Hintergrund vieler traumatischer Vergangenheiten. Hier kommen Jugendliche aus Syrien, Afghanistan, Eritrea, Somalia und Deutschland zusammen um zu spielen, zu singen, sich auszudrücken. Die wichtigste Ausdrucksform der Gruppe war von Anfang an die Musik – Musik im allgemeinen, ganz besonders aber auch Musik aus der Heimat der Jugendlichen. So wurde dieses Stück ein Musiktheaterstück, dessen Lieder die Jugendlichen selbst mit einbrachten und die von dem Musiker und Komponisten Hans Kaul für eine vierköpfige Band neu arrangiert wurden. Das Stück hat sich mittlerweile als feste Produktion im Spielplan des Theaters, aber auch als angefragtes Gastspiel auf Festivals etabliert.

In den Anfängen der Arbeit galt das boat people projekt nebst ein paar anderen Freien Theatern als speziell, als Nischentheater, weil es sich mit Geflüchteten auseinandersetzte, weil das Thema und die geflüchteten Menschen zu einem früheren Zeitpunkt noch nicht so allgegenwärtig waren. Heute sind die Macher des boat people projekts als Spezialisten gefragt. Und jetzt sind es Etliche, Freie Gruppen wie große Häuser, die das Thema beschäftigt. Auch in Göttingen ändert sich derzeit vieles im Stadtbild, die Wohnungssituation wird viel diskutiert, Unterbringungen gebaut. Es gibt eine hohe Anzahl an ehrenamtlichen Initiativen, für deren Koordination die Stadt sofort eine Arbeitsstelle schuf. Diese Veränderungen vor Ort, die Hilfsinitiativen, das Verhältnis zu den Neuankommenden, das Abhängigkeitsverhältnis – all das beschäftigt das boat people projekt auch in ihrer neuen Schauspiel-Produktion im September 2016. Ein Stück über ehrenamtlich, hauptamtliche, uneigennützige und lukrative Hilfestellungen zwischen Hilfsbedürftigen und Hilfegebenden entsteht: Wer hilft eigentlich wem? Welches Verhältnis baut wird aufgebaut?

In der aktuellen Debatte im Feuilleton geht es um Vor- und Nachteile eines Theaters mit Geflüchteten, um reale Schutzbefohlene auf deutschen Bühnen, um die Frage nach Kunst und Partizipation. Dies alles ist immer auch begleitet mit der Sorge, die mehrfach geäußert wird, dass Geschichten benutzt, Menschen auch instrumentalisiert werden. Der Weg des boat people projekts entsteht mit denen, die ihn mit dem Theaterprojekt gehen. Die Künstler*innen, mit denen gearbeitet wird, sind insbesondere Menschen aus Kriegsgebieten, deren Ängste die Proben begleiten, so wie alle Nachrichten über Flucht-Routen und neue Grenzziehungen unentwegt alles und alle aufwühlen. Das Theater versucht, Texte zu schreiben, die im Sinne der TeilnehmerInnen sind, einen Stoff zu weben, in den alle hinein wachsen können. Das Theater ist aber auch ein Ort des Ankommens geworden, des sozialen und künstlerischen Austauschs für diese Menschen. Wie können wir zusammen kommen, was können wir teilen?

Die Geflüchteten teilen sich mit durch den Weg, den sie verkörpern. Wir, die hier Lebenden, werden zum Gegenstück zu ihnen, in ihren Augen sind wir da, wo wir hin gehören, sind fest an unserem Platz verankert. Dabei bewegt uns ja etwas mit ihnen. Ihre Flucht bewegt uns, rückt uns selbst irgendwo anders hin. Wohin rücken wir, in wessen Nähe wollen wir sein, mit wem wollen wir leben, wem teilen wir uns mit?!"