Wie ein Vogel ohne Flügel

von Majid Ahmady


Mein Name ist Majid. Ich komme aus Afghanistan. Ich bin der älteste Sohn von meinen Eltern. Wir sind  sechs Geschwister, drei Brüder und drei Schwestern. Meine Familie lebt in Afghanistan. 
Zuerst möchte ich  über die Situation in Afghanistan sprechen. Leider gibt es in Afghanistan viele verschiedene terroristische  und  mafiaähnliche Gruppen die den Leuten Angst machen und sie unter Druck setzen. Z.B.: nehmen sie  Kinder und  Jugendliche von ihren Familien weg und verlangen dann Lösegeld. Wenn das Lösegeld nicht bezahlt wird, werden die Entführten leider  getötet. Das ist genau der Grund, warum die Afghanen   Afghanistan verlassen. Jeder versteht wie schwer es ist, die Mutter zu verlassen. Genauso schwer ist es, das Heimatland zu verlassen. Wir haben das nicht freiwillig gemacht, der Krieg und  die vielen Schwierigkeiten haben uns gezwungen.  

Am 03.07.2015 haben mein Bruder Mustafa und ich unser Land verlassen.  Wir wussten nicht, welche Schwierigkeiten wir auf unserem langen Weg überwinden mussten. Unser Weg führte uns durch den Iran, die Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien, Ungarn, Österreich bis schließlich nach Deutschland. Zwischen Türkei und Griechenland mussten wir ein Schlauchboot nehmen. Wir waren  drei Stunden mit fast vierzig Männern, Frauen und Kindern  auf dem Meer. Das war sehr schrecklich für uns, weil wir nicht schwimmen konnten und deshalb sehr große Angst vor dem Wasser und sehr hohen Wellen hatten. Glücklicherweise gab es keine Probleme. In jeden Land wurden wir gezwungen in ein Flüchtlingslager zu gehen. Und überall sollten wir unseren Fingerabdruck abgeben. Wir haben immer versucht, das nicht zu tun. Meistens ist uns das gelungen aber in Ungarn leider nicht. Dort wollten die Leute uns nicht weiter reisen lassen, bis wir unseren Fingerabdruck abgegeben haben. Man hat versucht den Abdruck zu erzwingen, indem wir einfach nichts zu essen bekamen. Manche wurden auch geschlagen. Ungefähr neun Tage haben mein Bruder und ich uns geweigert. Als schließlich ein Bus vor dem Lager stand, in den wir nur nach dem Fingerabdruck einsteigen durften,  wir aber unbedingt nach Deutschland reisen wollten, konnten wir es nicht länger aushalten. Nicht nur weil wir nichts zu essen bekamen, auch die Hygiene war katastrophal.
Wir waren sehr glücklich, als wir endlich in Deutschland angekommen waren. Aber leider wurden wir durch verschiedene Camps geschickt. Immer wieder mussten wir uns von den Leuten verabschieden, mit denen wir uns angefreundet hatten. Überall brauchten wir immer wieder neue Papiere und mussten persönliche Fragen beantworten.
Am 03.09.2015 sind wir  nach zwei Monaten ohne Geld und ohne Sachen in Friedland angekommen. Damals waren viele Flüchtlinge (fast viertausend) aus Syrien, Eritrea, Irak, Afghanistan in Friedland. Fast zwei Wochen  mussten wir in  einem Flur  schlafen, bis wir ein Bett in einem Zimmer für 4 Personen beziehen konnten,  mein Bruder und ich mit 2 Freunden aus Afghanistan, die wir vorher nicht kannten. Das Zimmer war 9 m² groß. Es ist schwierig, so ein kleines  Zimmer mit Fremden zu teilen. Für die Verpflegung mussten wir  dreimal am Tag, morgens, mittags und abends, einen Weg von 10 Minuten bis zur Kantine  laufen. Dort  musste man meistens 2 bis 3 Stunden in der Schlange stehen. Leider war das Essen nie genug, wir hatten immer noch Hunger, deshalb haben wir die  Brötchen vom Vortag nehmen können, die wir dann in der Nacht gegessen haben. Nach drei Monate  bekamen wir am 13.11.2015 einen Brief, in dem  stand eine neue Adresse in Göttingen. Im IWF bekamen mein  Bruder und ich ein Zimmer von 15 m² in einem Flur mit 12 anderen Zimmern.  Auf jedem Flur gab es eine Gemeinschaftsküche und ein Gemeinschaftsbad. Nach der langen Zeit der Flucht und der schrecklichen Zeit in Friedland  dachten wir ein neues Leben zu  beginnen.  Ein Freund von uns hatte eine Frau aus der Kleiderkammer, Barbara, kennengelernt. Sie besuchte ihn gleich am ersten Abend in Göttingen im IWF( Flüchtlingsunterkunft im  Nonnenstieg). An diesem Abend haben wir auch diese nette Frau und ihren Mann, Ulrich, kennengelernt. Wir haben unsere Telefonnummern ausgetauscht. Ein paar Tage später hat sie uns alle eingeladen. Seit dem sind wir befreundet. Wir haben noch eine andere nette Frau, sie ist Medizinerin, sie heißt Kristiane, und ihren Mann, Christoph, kennengelernt. Sie hat uns die Geschäfte in Göttingen gezeigt und sie hat uns ihre Hilfe angeboten. Auch sie ist noch immer unsere Freundin. Inzwischen haben wir eine Zweizimmerwohnung im Schützenanger.
Zu Anfang  konnten wir gar kein Deutsch. Glücklicherweise haben wir zwei Frauen kennengelernt, Hafize und Rosa, die schon lange in Deutschland sind. Mit beiden konnten wir in unserer Sprache sprechen. Eine von ihnen kommt aus Afghanistan und die andere aus dem Iran. Ich habe ihnen erzählt, dass ich schon über zwei Jahre Kopfschmerzen habe, nach dem mich die Taliban auf den Kopf geschlagen haben. Sie haben mir gleich angeboten, einen Termin beim Arzt zu machen und ich bekam ziemlich schnell einen MRT-Termin im Januar, meinem Geburtsmonat. Die Ärzte haben festgestellt,  dass die Narbe nicht der Grund von meinen Kopfschmerzen ist, sondern  dass ich einen Tumor habe. Diese Nachricht hat mich sehr erschreckt. Ich war mit vielen Problemen und Schwierigkeiten auf dem Weg fertig geworden, ich habe meine Familie und mein Heimatland verlassen, ich habe mich in eine ungewisse Zukunft aufgemacht, ich war endlich in Deutschland angekommen, ich hatte so viel zurückgelassen, ich wollte ein neues Leben beginnen  – und nun diese Nachricht!
Ich habe Kristiane und Barbara davon erzählt. Kristiane hat mir zum  zweiten MRT-Termin im April verholfen, und sie hat sich sehr, sehr um das Geld für die Operation gekümmert. Zwei Wochen später wurde ich operiert. Weil wir wussten, wie gefährlich die Operation ist, haben wir uns nicht getraut, unseren Eltern davon zu erzählen. Ich hatte auch Angst vor der Operation. Ich habe viel gebetet und mein ganzes Vertrauen in Gottes Hand gelegt. Weil ich drei Tage bewusstlos war und ich nicht mit meinen Eltern telefonieren konnte, haben sie sich große Sorgen gemacht. Gottseidank  hatte ich Kristiane, Barbara, Hafize und Rosa und ganz viele afghanische und deutsche Freunde, die versucht haben, ein bisschen unsere Eltern zu ersetzen. Das hat mir sehr geholfen. Die Tage im Klinikum habe ich fast schön empfunden, deshalb hatte ich den Wunsch, irgendwann hier im Klinikum zu arbeiten. Glücklicherweise habe ich Abitur, dadurch gab es für mich die Möglichkeit, das FSJ irgendwo zu machen. Um das zu erreichen, hat sich Kristiane sehr eingesetzt und sie hat meine Bewerbung  unterstützt. Dafür bin ich ihr sehr dankbar.  Die Personalentwicklung hat mich zum Vorstellungsgespräch für ein FSJ eingeladen und ich habe diese Stelle bekommen.  Die erste Zeit war sehr schwierig für mich, aber alle, meine  Chefin und Kollegen, sind sehr nett zu mir und helfen mir bei Verständigungsschwierigkeiten.
Ich mag den Beruf des Krankenpflegers und ich habe mich dafür beworben.  Dafür muss ich meine Deutschkenntnisse nachweisen, deshalb muss ich einen Deutschkurs besuchen. Meine Chefin macht mir das möglich, indem sie mich für die Frühschicht eingeteilt hat, damit ich am Nachmittag zum Deutschkurs gehen kann.
Und mein Bruder Mustafa geht in die 10. Klasse zur Schule. Er möchte seinen Realschulabschluss machen und eine Ausbildung anschließen oder studieren. Weil es in Deutschland so viele Ausbildungsmöglichkeiten gibt, hat er sich noch  nicht entschieden. Aber er ist noch jung und hat viele Ideen.
Als ich Kristiane erzählt habe, dass ich gerne singen und Theater spielen möchte, hat sie mir den Vorschlag gemacht, beim Boat People Project mitzumachen. Das ist eine gute Gelegenheit zusammen mit anderen etwas zu machen und mit anderen zu sprechen und die freie Zeit zu verbringen, auch etwas gegen die Langeweile zu tun, Spaß zu haben und ein wenig die Probleme zu vergessen. In dieser Gruppe haben mein Bruder und ich schon bei verschiedenen Projekten mitgemacht. Als nächste Projekt bereiten wir einen Film vor.
Das ist  nur eine von vielen, vielen afghanischen Geschichten!