Rosenwinkel

 

 

Wie Einheimische zu Flüchtlingen werden

Ein Essay von Luise Rist (Sommer 2016)


Letzten Monat war ich in Serbien, um Flüchtlinge an der Grenze zu Ungarn zu treffen, und aus Deutschland abgeschobene Roma-Familien zu besuchen. Auch die Roma sind – wieder – Flüchtende geworden. Hatigye Osmani, die aus dem Krieg im Kosovo nach Deutschland, Göttingen, geflüchtet ist, siebzehn Jahre hier lebte und fünf Kinder in dieser Stadt zur Welt gebracht hat, wurde jetzt erneut vertrieben.

Meine Freundin Hatigye hat die Hälfte ihres Lebens in Göttingen verlebt. Ihre Kinder sind Kinder dieser Stadt. Göttinger Kinder. Deutsche. Deren Welt nicht von Lebenslinien, sondern von Grenzzäunen bestimmt wird. Seit Februar dieses Jahres ist die Familie, wie so viele Roma-Familien, auf der Flucht vor der Deportation.

Können Sie mich mitnehmen?

In Serbien höre ich deutsche Stimmen, und zwar am äußersten Rand der Stadt Belgrad. Auf einer Müllkippe hausen mehrere Familien, die schon von Land zu Land gezogen sind, vergeblich um Aufnahme bettelnd. Früher einmal, in Jugoslawien, hatten sie ein Haus.

Der Gang durch den Müll führt uns, gemeinsam, in die Vergangenheit. Die Toten der Balkan-Kriege, in denen die Roma zwischen den Fronten zerrieben wurden, ruhen nicht. Geister der Kriege, in die wir – der Westen – involviert sind, steigen aus der Asche. Die Glut ist noch heiß. Es kann jederzeit wieder ein Brand ausbrechen, hier, in Ex-Jugoslawien.

Verbrannte Erde. Ein Leben in Pappkartons. Die Matratzen, auf denen die Kinder schlafen, sind verschimmelt. Zwischen Dosen, Plastik und Metall lächelt eine Barbiepuppe. Der Restmüll aus der ganzen Welt liegt hier, bei ihnen. Es stinkt. Ich kotze aus, was ich nicht brauchen kann. Der Roma, verklärt, als Bewohner eines weltweiten Slums. Time of the gypsies. Schrott, das ist Schrott. Romantisch vielleicht im Film, der Roma inmitten des Schrotthaufens. Der Überlebenskünstler. Der aus dem Schrott ein Auto baut, sich das Benzin klaut und vor unseren Augen davon rast. Der Roma als Künstler. Er ist frei. Eine schöne und böse Vorstellung. Soll er doch leben von dem, was wir ihm vor die Füße schmeißen. Nimm die losen Enden, zehre davon, und bleibe uns fern.

Aber sie bleiben nicht. Denn vom Ende geht es an den Anfang zurück. Die Zeit zieht einen Kreis. Wir stehen gemeinsam im Müll bis zu den Knien. Eine Ratte kriecht aus einer Plastiktüte von New Yorker aus Deutschland, das T-Shirt made in India. Bitte, gebt uns Geld. Eine Frau zeigt mir ihren eigenen Reichtum: Sieben Kinder. Der Neunjährige trägt einen Schweif aus Silberfäden um den Kopf. Sieht aus wie eine Zeitmaschine.

Die Kette aus Abschiebung und Flucht, erneuter Abschiebung, versuchter Einreise und erneuter Abreise etcetera drängt die Menschen in die Bilder vom fahrenden Volk, das Wagenrad rollt mit ihnen zurück, Richtung Mittelalter. Ein bisschen Kusturica, aber die Schauspieler bekommen kein Geld für die Rollen, die sie zu spielen gezwungen werden. Time oft the gypsies? Kusturica hat seine Leute gar nicht bezahlt. Sie haben bezahlt für seine Filme. Die Roma profitieren nicht von den Bildern, die von ihnen gemacht werden.

Die wir uns von ihnen machen: Göttingen.

Die von der Kirche nicht aufgenommene Familie Osmani-Krasnici wurde vor den Augen der Gemeinde fortgejagt, ohne Asyl galt es so schnell wie möglich die Stadt zu verlassen und sich in Bewegung zu setzen, ohne Wissen um das Wohin. Von Stadttor zu Stadttor fährt die Familie seither. Ohne Schulbücher, Schulbildung, ohne Papiere. Unterwegs gibt es keinen Kalender mehr, gestern und heute verschwimmen. Ewige Gegenwart. Die alten Bilder werden wieder wach. So dass sie erneut als „die anderen“ gesehen werden. Die unter sich Gebliebenen.

Mit den Roma aus Ex-Jugoslawien kommen uns nur dem Anschein nach bildungsferne, arme Leute abhanden. Auf einer anderen Ebene wird uns selbst etwas genommen, wenn sie gehen. Etwas von ihrem Reichtum, der sich nur in der Begegnung mit ihnen erschließt. Auf ihrem jahrhundertelangen Weg haben sie viel mitgebracht, von anderen Kulturen, - und sie, denen man unterstellt, dass sie unter sich bleiben, sind durch ihre Fluchten seit jeher kosmopolitisch, sie sind Weltbürger.

Komm. Dreh dich nicht mehr um. Wir wollen neue Bilder, neue Szenen, Künstler, die Roma sind und keine Opfer mehr. Wir wollen keinen Kusturica sehen. Sondern neue Filme von neuen Bildermachern. Roma, Gadje, egal -! Denn:

Es gibt keine anderen. Wir sind gleich.

Wer bist du?